«Der Ratschlag, positiv zu denken, kann auch eine Zumutung sein»

Ängste zulassen, eigene Fähigkeiten stärken und Hilfe in Anspruch nehmen: Diese Strategien können helfen, besser mit einer schweren Erkrankung umzugehen.

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Ein schlechter Befund zieht vielen Menschen den Boden unter den Füssen weg. Was in solchen Situationen hilft, weiss Martina Berchtold-Neumann. Sie ist Diplompsychologin FSP, zertifizierte Psychoonkologin und Hypnosetherapeutin sowie Co-Präsidentin von chronischkrank.ch.

Martina Berchtold, was bedeutet eine schlimme Diagnose für die Psyche?

Es ist zunächst ein Schock. Viele beschreiben die Diagnose als eine Zäsur in ihrem Leben: Plötzlich ist nichts mehr so, wie es war.

Welche Strategien gibt es, um trotz einer ernsten Erkrankung positiv zu bleiben?

Zunächst möchte ich betonen: Der Ratschlag, trotz eines schlechten Befunds positiv zu denken, kann auch eine Zumutung sein. Im ersten Moment dominieren oft Wut, Ärger, Enttäuschung, Schmerzen und Todesangst. Da kann man doch nicht so tun, als wäre nichts.

Was raten Sie denn?

Die Betroffenen tun gut daran, sich ihren negativen Gefühlen zu stellen und sich zu fragen: Was macht mich wütend? Wovor habe ich Angst? Erst wenn sie das wissen, können sie eine geeignete Strategie suchen, um aus ihrer Wut, aus ihrer Angst herauszukommen.

Können Sie ein Beispiel für eine solche Strategie nennen?

Das ist sehr individuell und hängt stark davon ab, welche Ressourcen ein Mensch hat. Unter Ressourcen verstehe ich alle Fähigkeiten, die in dieser Situation als wertvoll erlebt werden. Diese können intellektueller Art sein, wie etwa die Fähigkeit, Probleme zu bewältigen oder Neues zu lernen. Weiter ist auch das soziale Umfeld wichtig. Und neben den physiologischen Ressourcen wie etwa Bewegung und gesunde Ernährung gibt es auch noch die psychologischen Ressourcen: Was tut mir gut? Was hebt meine Laune? Sobald ich mir meiner Fähigkeiten und Stärken bewusst werde, kann ich mich fragen: Wie können diese mir helfen, mit der Situation besser umzugehen? Dies ist der erste Schritt aus der Krise.

Und was wäre der zweite?

Das Stichwort ist: fachübergreifendes Wissen, also Interdisziplinarität. Neben der Betreuung durch medizinische Fachpersonen können auch psychologische oder physiotherapeutische Unterstützung, Sozialberatung, Komplementärmedizin, ein Fitnesscoaching oder eine Selbsthilfegruppe wertvoll sein. Wer alle für sich hilfreichen Möglichkeiten ausschöpft, kann sich eine gewisse Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung aufbauen und lernen, damit zu leben. Dies gilt übrigens auch für die Angehörigen.

Wie schlimm ist es für Angehörige, einen geliebten Menschen leiden zu sehen?

Angehörige leiden oft genau so sehr wie die Betroffenen selber. Einerseits sind sie ziemlich ohnmächtig, was die Krankheit und die psychische Verfassung der Betroffenen angeht. Andererseits bedeutet eine schwerwiegende Erkrankung meistens auch, dass ihnen plötzlich viel mehr Aufgaben zufallen. Da besteht die Gefahr der Überforderung. Frühzeitig Hilfe zu holen, ist deshalb für beide Seiten wichtig. Oft reichen wenige Sitzungen in einer psychologischen Praxis, um Lösungen zu suchen und die Situation zu verbessern. Und anders als dies bei psychischen Erkrankungen oft der Fall ist, besteht auch kaum die Gefahr, dass eine Person stigmatisiert wird, weil sie psychologische Unterstützung braucht: Es ist völlig normal, dass ein schlechter Befund jemanden eine Zeit lang aus der Bahn wirft.

Hilfreiche Links

Die kantonalen Lungenligen bieten Sozialberatung und psychosoziale Beratung an: www.lungenliga.ch/sozialberatung

dureschnufe.ch ist eine Plattform für psychische Gesundheit rund um das neue Coronavirus: www.dureschnufe.ch

Die Kampagne «Wie geht’s dir?» sensibilisiert für die Wichtigkeit der psychischen Gesundheit und vermittelt konkrete Tipps: www.wie-gehts-dir.ch

Die Broschüre «Mir selber und anderen Gutes tun» gibt Tipps für Personen, die Angehörige betreuen: www.gesundheitsfoerderung.ch/grundlagen/publikationen